Wohin wollen wir? - Lasst uns diskutieren!

Liebe Bewegte in und um Bern
Liebe widerständige Menschen aus autonomen / linksalternativen / ausserparlamentarischen Strukturen
Liebe organisierte und nicht organisierte Aktivist*innen
Liebe Gruppen, die ihre politische Arbeit in den verschiedensten Bereichen gegen die vorherrschenden Verhältnisse und gegen die damit einhergehende Unterdrückung von Mensch, Tier und Umwelt machen.

In letzter Zeit häufen sich innerhalb der antiautoritären Linken die Diskussionen um eine verstärkte Organisierung der eigenen Praxis und Politik. Einige Beispiele dafür sind die „11 Thesen“ [1], mehrere „Lower Class Magazine“- und barrikade-Beiträge [2,3,4,5] und die sich im Aufbau befindende Organisierungsform „Plattform.org“ [6]. Diese Auseinandersetzungen begrüssen wir sehr. Der vorliegende Text kann nicht als Manifest oder abgeschlossene Analyse verstanden werden, da wir viele Aspekte nur anschneiden und nicht weiter vertiefen. Er soll eine Grundlage bieten, um die Diskussion weiter zu führen, wie wir gemeinsame Ziele erreichen können. Wir beziehen uns vor allem auf Bern, dies aus dem einfachen Grund, dass wir hier leben und politisch aktiv sind. Dies soll aber weder eine definitive Eingrenzung noch einen Ausschluss bedeuten.

Wir, eine geschlechtergemischte, neun-köpfige Gruppe, treffen uns nun seit ungefähr einem Jahr regelmässig. Dieser Zusammenschluss entstand, weil wir den Status Quo nicht akzeptieren können, wir die Notwendigkeit grundlegender Veränderungen sehen und wir alle von einer besseren Welt träumen. Jedoch sind wir weit davon entfernt, diesen Traum zu verwirklichen. Denn die Natur wird zunehmend zerstört, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter und die nationalistischen, rassistischen, sexistischen, autoritären Bewegungen gewinnen immer mehr an Stärke und Aufmerksamkeit. Zudem scheint uns, dass unsere Szene diesen Missständen nicht gewachsen ist. Uns fehlt es an einer gemeinsamen Strategie um effektiven Einfluss auf den momentanen Zustand zu haben und diesen zu verändern. Es ist uns wichtig, dass dieses Papier als konstruktive Kritik, die wir genauso an uns selbst richten, und nicht als Angriff auf eure Person/Gruppe gelesen wird.

Wir stellen fest, dass es in Bern eine Menge kleiner und in sich gut organisierter, linker Gruppen und Zusammenhänge gibt. Diese sind in ihren Strukturen sehr aktiv und befassen sich intensiv mit Themen und realisieren Projekte. In Bern gibt es im Verhältnis zur Grösse viel Infrastruktur, welche Politgruppen nutzen können (bspw. Reitschule, Brass, Osterhasen, Café Toujours, Fabrikool, diverse Wagenplätze, Pirat*innenbar). Dadurch erscheint uns Bern grundsätzlich als bewegte und sehr bunte Stadt, auch wortwörtlich mit vielen Graffitis und Tags. Wir beobachten auf der einen Seite diverse langlebige Projekte, die sich über längere Zeit mit spezifischen Themen beschäftigen, auf der anderen Seite findet auch eine Vielzahl kurzlebiger Aktionen zu aktuellen Vorkommnissen statt. Dabei gibt es eine grosse Vielfalt von verschiedenen Aktionsformen (bspw. Demos, direkte Aktionen, Wohnprojekte, Kunst-Projekte, Theater). Die Mehrheit dieser Aktionen richtet sich örtlich an die Innenstadt und ist vor allem an ein junges Publikum adressiert.

Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit wird dieser Vielfalt jedoch nicht gerecht. Vielmehr werden fast ausschliesslich Aktionsformen wie Demos aufgegriffen, während viele andere Projekte kaum wahrgenommen werden. Der Grossteil der Medien führt ihre eigene Agenda und setzt ihre Schwerpunkte mit politischem Kalkül. Durch eine Berichterstattung, die sich auf Scharmützel und Sachbeschädigungen konzentriert, wird die Linksradikale als gewaltbereit und apolitisch dargestellt. Dieses Bild vermögen wir als Linke nicht gross zu verändern, weil wir mit unserem Aktivismus vor allem unsere eigenen Subkontexte erreichen und unsere Komfortzone kaum verlassen. Wir sind ein sehr kleiner und in sich geschlossener Teil der Gesellschaft, die im Allgemeinen in viele Untergruppierungen gegliedert ist. Diese Untergruppen werden aufgrund von Interessen, demografischen und örtlichen Gemeinsamkeiten konstruiert und haben wenig Berührungspunkte. Doch um gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, müssen wir mehr werden, besser vernetzt und breiter abgestützt sein. Um dies zu erreichen, gilt es Berührungspunkte von verschiedenen Kreisen zu nutzen, wie gemeinsamer Wohnraum (Quartier), Arbeitsort, Schule, Vereine oder Freizeitkontexte.

Gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben verlangt langfristige Arbeit, die nicht von Einzelnen aufgebracht werden kann. Die Vernetzung, Unterstützung und Organisierung sehen wir als wichtiges Mittel im Prozess, gemeinsam als Bewegung voranzukommen und zu wachsen. Sich zu organisieren heisst für uns, Kompromissfähigkeit zu entwickeln, kollektiv denken zu lernen und sich auch zurücknehmen zu können. Damit meinen wir nicht, eigene Überzeugungen und Standpunkte aufzugeben. Vielmehr gilt es zu unterscheiden zwischen grundsätzlichen Überzeugungen, über die es zu diskutieren und notfalls zu streiten gilt und der Tatsache, dass nicht immer alles mitentschieden, bestimmt oder beeinflusst werden muss.

Eine solche Organisierung zu schaffen bzw. die Bestrebung eine verbundene linke Bewegung zu sein, fehlt uns im ausserparlamentarischen politischen Raum Bern. Die oben beschriebenen Projekte in Bern laufen meist nebeneinander, ohne mögliche Synergien zu nutzen, gemeinsame Strategien zu entwickeln und einen gemeinsamen Diskurs zu führen. Viele Gruppen kämpfen an ihrer „eigenen Front“, ohne dass wir als gesamte Bewegung einen gemeinsamen Kampf definieren können. Wir erleben, dass uns dies längerfristig nicht weiterbringt und nicht selten zu Frustration führt. Viele Auseinandersetzungen enden in der Abgrenzung von bestimmten Gruppen, oder werden auf der persönlichen Ebene ausgetragen resp. dazu genutzt, Szene-Tratsch zu verbreiten. Ausserdem verlangen uns diese aufgesplitterten Kämpfe sehr viel Energie ab, was viele Menschen kaum mehr als ein paar Jahre aushalten können. So verabschieden sich Aktivist*innen häufig ab einem gewissen Alter vom Aktivismus oder organisieren sich in klar abgetrennten Strukturen. Dies erschwert den Austausch zwischen den Generationen und die Weitergabe von gesammelten Erfahrungen. Doch zeigen sich nicht nur langjährige Aktivist*innen desillusioniert. Auch Menschen, die sich neu in der Bewegung engagieren, verlieren oftmals Motivation und Lust aufgrund von fehlenden stabilen Strukturen.

Auch die Aussenwahrnehmung, die sicherlich nicht unserer gewünschten Eigendarstellung oder den effektiv vorhandenen Strukturen entspricht, sehen wir als Folge von nicht sichtbaren Gemeinsamkeiten. Wo liegt unsere Verantwortung bezüglich der Wahrnehmung von linksradikalen Projekten? Bis anhin gelingt es uns nicht, eine gemeinsame Kritik nach aussen zu tragen. Wir müssen deshalb die einzelnen Kämpfe in Bern verbinden. Wir wollen eine Bewegung mit vielen Facetten und Eigenheiten sein, welche jedoch gemeinsame und nachvollziehbare Ziele verfolgt. Wir sind der Meinung, dass eine Bewegung dafür eine starke Stimme in der Gesellschaft und damit auch in den Medien haben muss. Dafür müssen wir vermehrt seriöse Medienarbeit in eigenen Strukturen leisten, wie auch etablierte Medien mit unseren Inhalten prägen.

Für uns ergibt sich die Notwendigkeit einer Organisierung auch aus der Analyse der allgegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse. Sowie der durch Gesetze, Traditionen oder gesellschaftlichen Normen strukturell vorgegebenen Unterdrückungsmechanismen wie bspw. Rassismus und Sexismus. Darum denken wir, dass ein Ankämpfen einzeln oder in gespaltenen, kleinen Gruppen nicht effektiv ist. Unorganisiert und vereinzelt besteht die Gefahr, dass wir die herrschenden Denkweisen verinnerlichen und reproduzieren oder im Versuch aufgesogen werden, unsere Alltagsprobleme individuell zu lösen. Um dem entgegenzuwirken benötigen wir ein Gefäss, in dem eine Aussprache und eine beständige Diskussion stattfinden können. Ebenfalls soll Frustration, Unverständnis und Wut, auch gegenüber der Bewegung selbst, Platz gegeben werden. Dies alles mit dem Ziel, gemeinsam Ansätze zu finden, wie eine antiautoritäre Organisierungsform aussehen könnte, die einen kollektiven Umgang mit Problemen jeglicher Art ermöglicht.

Mit einer Organisierung meinen wir nicht, dass jeglicher Widerstand gegen Unterdrückung von allen auf die gleiche Art und Weise geleistet werden muss. Bspw. in queerfeministischen oder antirassistischen Kämpfen sind gewisse Menschen durch ihre spezifische Stellung in der Gesellschaft mehr von einer Unterdrückung betroffen und wollen sich deshalb auch unter sich organisieren. Dies ist sehr wichtig und soll in keiner gemeinsamen Organisierung verunmöglicht werden. Divers sollen die Kämpfe gegen Unterdrückung bleiben, doch vereint muss unsere Solidarität und unser kollektives Bewusstsein sein. Alle Kämpfe und Forderungen nach Freiheit und Selbstbestimmung sollen von uns allen mitgetragen und unterstützt werden.

Wir glauben, dass die ausserparlamentarische Linke in Bern sehr viel Potential hat, wenn wir uns darüber klar werden, inwiefern wir am gleichen Strick ziehen, uns gegenseitig unterstützen und konstruktiv kritisieren können, um zu einer greifbaren Bewegung zu werden.
Die Diskussion darüber möchten wir gemeinsam mit euch angehen und weiterführen! Dazu fragen wir euch: wie sieht euer momentaner Blick auf die radikale Linke aus? Falls das Bedürfnis zu mehr gemeinsamer Auseinandersetzung und Organisierung vorhanden ist, wie könnten diese aussehen? Wenn ihr nicht einverstanden seid mit Teilen des Textes, oder euch angegriffen fühlt, sind wir mega froh um Rückmeldungen!

Wir sehen die ersten Schritte für eine Organisierung im vermehrten Austausch über verschiedene Kontexte hinweg. Vielleicht in Form von Bewegungsabendessen, einem mehrtägigen Treffen an einem Wochenende, einer gemeinsamen Aktion. Schon fix ist ein Treffen im Rahmen der Da-Da-Werkstatt am 17. Juni 2019 [7].
Gerne würden wir uns mit euch zusammensetzen und Gedanken weiterspinnen, erfahren, was ihr darüber denkt. Wenn ihr dafür motiviert seid, dann meldet euch doch auf: organize@immerda.ch [8]
Wir freuen uns!

[1] 11 Thesen über Kritik an linksradikaler Politik, Organisierung und revolutionäre Praxis - https://de.indymedia.org/node/9708
[2] Vom Reden zum Tun - https://lowerclassmag.com/2018/02/25/vom-reden-zum-tun/
[3] Kongress der Kommunen - https://lowerclassmag.com/2018/04/23/kongress-der-kommunen/
[4] Diskussionsbeitrag "neue sozialrevolutionäre Bewegung" - https://lowerclassmag.com/2018/05/15/diskussionsbeitrag-neue-sozialrevolutionaere-bewegung/
[5] Zum Ende einer Bewegung und eines Organisationsansatzes - https://barrikade.info/Zum-Ende-einer-Bewegung-und-eines-Organisationsansatzes-1041?lang=de
[6] die plattform - https://www.dieplattform.org/
[7] Da-Da Werkstatt: https://barrikade.info/article/1841
[8] PGP: 79F1 557D D45C BAA4 3EE0 C2B5 F2BD A472 EB07 67CE